Forschung aktuell
| Hausärzte haben im Kampf gegen Depressionen eine
Schlüsselrolle
Nürnberger Bündnis gegen Depression versucht, die Suizidrate nachweisbar zu senken Von Florian Staeck NÜRNBERG. Depressionen sind nach einer WHO-Studie weltweit die Volkskrankheit Nummer eins. Doch nur bei einer Minderheit der Patienten wird die Krankheit richtig erkannt und adäquat behandelt. Das Nürnberger "Bündnis gegen Depressionen" will in enger Zusammenarbeit mit Hausärzten zeigen, dass sich die Zahl der Suizide in Folge depressiver Erkrankungen nachweisbar senken läßt. Beim Nürnberger "Bündnis gegen Depression" handelt es sich um ein bundesweit einmaliges Projekt zur Verbesserung der Versorgung depressiv erkrankter Menschen und zur Suizidprävention. In ihm sind Ärzte, Psychotherapeuten, Mitarbeiter von Beratungsstellen, Gesundheitsamt, der Stadt, des Klinikums Nürnberg-Nord, von Kirchen und Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen. Das Bündnis selbst ist Teil eines umfassenden "Kompetenznetzes Depression", das vom Bundesforschungsministerium über fünf Jahre mit 25 Millionen DM gefördert wird. "Psychiatrische Erkrankungen, vor allem Depressionen, werden in ihrer Bedeutung massiv unterschätzt", erläutert Professor Dr. Ulrich Hegerl, von der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München und Sprecher des Kompetenznetzes. Legt man nach der WHO-Studie "Global burden of disease" als Maß die Zahl der Krankheitsjahre gewichtet mit der Schwere der Beeinträchtigung zugrunde, ist die Depression mit Abstand Volkskrankheit Nummer eins. Zudem ist sie eine lebensbedrohliche Erkrankung: Ein großer Teil der jährlich über 11 000 Selbstmorde hat seine Ursache in depressiven Erkrankungen. Die Zahl der Suizidopfer liegt konstant weit über jener der Verkehrstoten. Jedoch ist die Versorgung bislang völlig unzureichend: "Bei der Hälfte depressiver Patienten wird die Krankheit nicht richtig diagnostiziert. Von diesen wird wiederum nur die Hälfte richtig behandelt", erläutert Professor Hegerl. "Wir legen daher beim Bündnis großen Wert auf die enge Kooperation mit Hausärzten", sagt Hegerl. Eines der herausragenden Ziele des Bündnisses ist daher, durch Fortbildung von Hausärzten die Behandlung depressiver Menschen zu verbessern. "Routinemäßig wird ein Patient nach Hypertonus oder Diabetes untersucht, nicht aber danach, ob eine Depression vorliegt", beklagt Hegerl das diagnostische Defizit. Oft gestaltet sich für den Arzt die Diagnose schwierig, weil viele Patienten im Arztgespräch nur über körperliche Beschwerden klagen, die eigentliche Krankheitsursache aber im Dunkeln bleibt. "Viele Patienten sehen bei Depressionen ein Versagen bei sich selbst. Hier müssen wir viel Aufklärung leisten", erläutert Dr. Veit Wambach, Hausarzt und Mitglied im Praxisnetz Nürnberg-Nord. Damit sind zwei wichtige Säulen des Aktionsprogramms benannt: Fortbildung
der Ärzte sowie ein "Awareness-Programm", das sich an die Bevölkerung
richtet. Seit Anfang des Jahres werden die Nürnberger durch Plakate,
Kinospots und Flyer auf das Krankheitsbild aufmerksam gemacht und bei Fragen
an Kontaktadressen verwiesen. Die Öffentlichkeitskampagne hat zwei
klare Botschaften: daß
Damit hoffen die Initiatoren des Bündnisses, Vorbehalte und die Verharmlosung dieser Krankheit - nach der Devise: "Jeder ist mal depressiv" - abzubauen. Die Hemmschwelle der Patienten scheint vier Monate nach Beginn der Kampagne geringer geworden zu sein: "Hausärzte berichten uns bereits jetzt, dass sie von Patienten öfter als früher angesprochen werden, ob nicht auch eine Depression Grund für ihre Beschwerden sein könnte", erläutert Hegerl. Aus hausärztlicher Sicht hält Dr. Wambach vor allem "die Nahtstelle
zwischen ambulanter und stationärer Behandlung für verbesserungsbedürftig".
Hier soll zum einen eine Hotline dafür sorgen, daß Hausärzte
sich unbürokratisch fachärztlichen Rat holen können. Zum
anderen bekommen Patienten nach einem Suizidversuch eine "Notfall-Karte",
mit der sie unter einer gebührenfreien Nummer sofort den diensthabenden
Facharzt für Psychiatrie am Klinikum erreichen können. Vorgenommen
haben sich die Bündnispartner, den Verlauf der Suizid(versuchs-)raten
in Nürnberg in den kommenden Jahren zu erfassen und mit dem Bundestrend
zu vergleichen. Ende des Jahres soll ein Zwischenbericht vorliegen, der
zeigt, ob das Bündnis gegen Depression erfolgreich war.
Infos: www.kompetenznetz-depression.de
und www.buendnis-depression.de
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