Ärzte Zeitung, September 2001
Hausärzte sollten gezielt nach den Anzeichen einer
Depression fragen
Depression bleibt in der Praxis häufig unentdeckt
/ Hausarzt ist erster Ansprechpartner
BÜHL (MV). Jeder neunte Patient, der in die Praxis
des Hausarztes kommt, leidet an einer Depression. Das ergab
eine deutsche Studie, über die PD Dr. Michael H.
Wiegand aus München auf einem Pressegespräch von Aventis
Pharma in Bühl bei Baden Baden berichtet hat. Die
Untersuchung vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in
München ergab ferner, daß Depressionen bei
fast der Hälfte der Patienten vom Hausarzt nicht erkannt werden.
Vor allem, wenn körperliche Beschwerden dominieren
oder die Depression nur milde ausgeprägt ist, fällt die Diagnose
schwer, da die affektiven Kernsymptome einer Depression
sich nicht immer auf Anhieb erkennen lassen. Gerade diese
Patienten suchen aber in aller Regel zunächst Hilfe
bei ihrem Hausarzt, erklärte Wiegand.
Was kann der Hausarzt tun, um eine Depression zu erkennen?
Ganz wichtig ist, so Wiegand, gezielt nach möglichen
Anzeichen einer Depression zu fragen. "Begnügen
Sie sich nicht damit, nur danach zu fragen, ob die Patienten
niedergeschlagen sind, sondern haken Sie weiter nach,"
so sein Rat. "Loten Sie auch aus, ob Symptome, wie
Interessenlosigkeit, Müdigkeit, Appetitlosigkeit,
Schlafstörungen, mangelndes Selbstvertrauen,
Konzentrationsstörungen, vermindertes sexuelles
Interesse oder gar vermehrtes Nachdenken über den Tod vorliegen."
Schwierig ist die Diagnose bei Patienten mit einer sogenannten
"smiling-depression" oder einem "Sissy-Syndrom". Die
Betroffenen klagen nicht und kaschieren ihre Beschwerden
oft durch übermäßige Aktivitäten, vorgegebene
Selbstsicherheit sowie durch ein geradezu perfektionistisches
Auftreten und Aussehen, erläuterte der Experte im
Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".
Auch bei älteren Menschen ist die Diagnose häufig
schwer zu stellen. Hier treten nach Wiegands Erfahrung meist
erhöhte Reizbarkeit oder Symptome, die an eine Demenz
denken lassen (Pseudodemenz), auf.
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