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Ärzte Zeitung, 24.09.2002
 
Prognose für ältere Depressive ist meist schlecht

Auch eine leichte Depression verläuft häufig chronisch / Fragebögen speziell für ältere Patienten erleichtern Diagnose
NEU-ISENBURG (mut). Haben ältere Patienten eine leichte Depression, ist ihre Prognose schlechter als häufig angenommen: Ein Viertel von ihnen entwickelt in den folgenden Jahren eine schwere Depression, über die Hälfte bleibt die meiste Zeit depressiv.
Psychiater aus den Niederlanden fordern daher, ältere Patienten auch bei einer leichten Depression zu behandeln. In einer prospektiven Studie hatten sie 277 Personen mit depressiven Symptomen sechs Jahre lang beobachtet. Die Menschen waren zu Beginn der Studie im Schnitt 72 Jahre alt. 75 Prozent der Depressiven hatten eine leichte Depression. Nur drei Prozent mit einer leichten und 19 Prozent mit einer schweren Depression erhielten zu Beginn der Studie Antidepressiva. 
Der Verlauf der Erkrankungen wurde in den sechs Jahren mit 14 Untersuchungen über Inteviews und Selbsteinschätzungsbögen dokumentiert. Dabei hatten mehr als die Hälfte der Patienten mit schwerer Depression eine chronischen Verlauf, aber auch etwa 60 Prozent der Patienten mit leichter Depression hatten dauerhaft Symptome; und 25 Prozent entwickelten sogar eine schwere chronische Depression (Arch Gen Psych 59, 2002, 605).
Bei einer nicht-reaktiven leichten Depression rät Professor Ingo Füsgen aus Wuppertal zunächst zu einer Therapie mit Johanniskraut. "Damit haben wir bei leichten Verstimmungen gute Erfahrungen gemacht", sagte Füsgen zur "Ärzte Zeitung". Wirke dies nicht, müsse auf ein synthetisches Präparat gewechselt werden.
Ein Problem könne es aber sein, eine leichte Depression zu erkennen. Ältere Patienten, so Füsgen, hätten oft ein untypisches Krankheitsbild. "Die klassische Melancholie steht bei ihnen nicht im Vordergrund. Sie kommen eher mit Gedächtnis- und Schlafstörungen oder klagen über kleine Wehwechen". Bei der Diagnose rät Füsgen zu Depressions-Fragebögen speziell für ältere Patienten.
 

KOMMENTAR
Hinter Klagen steckt oft ein Hilfeschrei
Von Thomas Müller 
Wer im Alter depressiv ist, der bleibt es meist auch, und der wird offenbar mit seinen Sorgen und Problemen weitgehend alleine gelassen. So läßt sich zumindest das Ergebnis einer niederländischen Studie interpretieren. Daß selbst eine leichte Depression bei den meisten alten Menschen chronisch verläuft, mag handfeste Ursachen haben: Die Erfahrung, gebrechlicher zu werden, mehr und mehr auf andere Menschen angewiesen zu sein, den Ehepartner oder gute Freunde zu verlieren oder zu beobachten, wie das eigene Gedächtnis rapide nachläßt. Solche Umstände lassen sich in der Regel nicht ändern. Umso mehr benötigen alte Menschen Unterstützung, um mit diesen Problemen besser umzugehen. 
Ein wichtiger Schritt dabei ist, alte Leute ernst zu nehmen, auch wenn sie ständig über das selbe Zipperlein klagen. Denn oft verbirgt sich hinter den Klagen der Alten über ihre Gebrechen ein Schrei nach Hilfe, weil sie mit dem Leben nicht mehr zurechtkommen. Dann ist es entscheidend, nach Auswegen zu suchen. Wenn sich aber die Ursache für die Depression nicht beheben läßt, gibt es keinen Grund mehr, diesen Patienten eine antidepressive Therapie zu verwehren.
 
 

 

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