Ärzte Zeitung, 02.11.2001
Die Angst vor Panikattacken kann schnell chronisch werden
Therapie hilft etwa 70 Prozent der Patienten / Bis zu einem Drittel wird
symptomfrei
NEU-ISENBURG (mut). "Hilfe, ich falle gleich um" - ein solcher Gedanke
kann plötzlich kommen und verursacht bei
manchen Menschen eine dramatische Angst. Die Betroffenen bekommen dann
Schweißausbrüche, ringen nach
Luft, oder spüren einen stechenden Schmerz in der Brust. Die Umgebung
wird bei solchen Panikattacken oft nur
unwirklich wahrgenommen. Nach 30 Minuten ist der Spuk meist vorbei, doch
was bleibt, ist die Angst von neuen
Panikanfällen.
Oft steckt hinter den Attacken die Angst, die Kontrolle über sich
zu verlieren, verrückt zu werden oder gar zu sterben,
berichtet Dr. Ulrich Langer von der Universität in Halle/Saale. Die
Attacken werden häufig als so bedrohlich empfunden,
daß die Betroffenen noch lange danach Angst vor weiteren Panikanfällen
haben. Die Gefahr dabei ist, so Langer, daß
die Angst schnell chronisch wird: Etwa wenn sich die Attacken tatsächlich
wiederholen und der Patient Angst bekommt,
daß die Anfälle bedrohliche Folgen haben. Dann haben sich die
Panikattacken zu einer dauerhaften Panikstörung
entwickelt.
30 bis 50 Prozent der Patienten haben auch eine Agoraphobie
Viele Patienten reagieren auf eine Panikstörung, indem sie Situationen
und Orte vermeiden, wo eine Panikattacke
besonders peinlich ist oder niemand helfen kann. Ist diese Furcht vor solchen
Orten sehr ausgeprägt, kann sich daraus
eine Agoraphobie entwickeln. Etwa 30 bis 50 Prozent der Patienten mit Panikstörungen
leiden unter Agoraphobie,
haben Studien ergeben.
Aber auch Depressionen sind bei Menschen mit Panikstörungen sehr häufig:
Mehr als die Hälfte haben im Laufe ihres
Lebens depressive Episoden, und oft treten die Depressionen schon vor dem
ersten Panik-Anfall auf, berichtet Langer.
Eine Therapie ist bei den meisten Patienten mit Panikstörungen erfolgreich,
haben Langzeituntersuchungen ergeben.
Fünf bis zehn Jahre nach Therapieende sind durchschnittlich 10 bis
30 Prozent der Patienten symptomfrei und 40 bis
50 Prozent haben noch leicht ausgeprägte Symptome. Allerdings kann
etwa 30 Prozent der Patienten nicht geholfen
werden.
Bewährt hat sich bei Panikstörungen eine Kombination aus Verhaltens-
und Pharmakotherapie. Langer empfiehlt dazu
besonders Antidepressiva wie selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer.
Von diesen hat Paroxetin (etwa
Seroxat®, Tagonis®, Paroxat®) die Indikation Panikstörung.
Aber auch für Venlafaxin (Trevilor®) und Mirtazapin
(Remergil®) sei ein günstiger Effekt bei Panikstörungen belegt
worden.
Eine Pharmakotherapie sollte etwa sechs Monate dauern. Benzodiazepine können
kurzfristig bei einer schweren
Attacke indiziert sein. Zu einer längerfristigen Anwendung von Benzodiazepinen
rät Langer nur, wenn Antidepressiva
nicht wirken oder kontraindiziert sind.
Konfrontation mit Symptomen kann Angst mindern
Bei der Psychotherapie ist es wichtig, Patienten über den Teufelskreislauf
der Angst aufzuklären, berichtet Professor
Jürgen Markgraf aus Basel. Denn die Patienten bewerten Symptome wie
Schwitzen oder Herzklopfen als Gefahr - und
verstärken die Symptome dadurch. Bei der Therapie, so Markgraf, sollten
daher Fehlinterpretationen korrigiert werden,
wie etwa "mein Herzklopfen bedeutet eine Herzkrankheit". Gelingen kann
dies, wenn Argumente, die für und gegen die
Interpretation des Patienten sprechen, sorgfältig mit ihm diskutiert
werden. Helfen kann auch, Patienten gezielt mit
Symptomen wie Herzklopfen und Schwitzen zu konfrontieren, um langsam die
Angst davor zu nehmen.
Panik in Zahlen
Einzelne Panikattacken erleben zwischen 15 und 30 Prozent der Bevölkerung.
Zu einer länger dauernden Panikstörung kommt
es bei 1 bis 3,5 Prozent. Frauen sind zwei- bis dreimal häufiger betroffen
als Männer. Meist beginnt die Störung mit 18 bis 40
Jahren, häufig nach Verlusterlebnissen. Etwa ein Fünftel der
Patienten werden süchtig nach Beruhigungsmitteln oder Alkohol.
80 Prozent der Patienten haben eine weitere psychiatrische Erkrankung.
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