Ärzte Zeitung, 07.02.2003
Depressive können schwache Gerüche
nicht wahrnehmen
Im Vergleich zu Gesunden
kommen bei depressiven Patienten weniger Geruchsinformationen aus der Nase
im Gehirn an
KIEL (nke/mut). Menschen
mit Depression haben einen schlechten Geruchssinn, wie Forscher in Kiel
jetzt festgestellt haben. Und aus Tierversuchen ist bereits bekannt: Zerstört
man bei Ratten die Geruchsnerven, werden sie depressiv. Kann ein schlechter
Geruchssinn also Depressionen verstärken oder gar auslösen?
Wie gut Depressive riechen
können, haben Kieler Psychologen jetzt bei 31 Patienten mit schwerer
Depression und einer Vergleichsgruppe mit 26 gesunden Personen untersucht.
Den Studienteilnehmern wurden unter anderem zehn verschiedene Gerüche
präsentiert.
Das Ergebnis der Untersuchung:
"Depressive Menschen können schwache Gerüche - egal ob angenehm
oder unangenehm - nicht riechen. Wenn die Gerüche in einer hohen Konzentration
dargeboten werden, findet man jedoch keinen Unterschied zu den Personen
einer Kontrollgruppe", erläutert Dr. Bettina Pause vom Institut für
Psychologie der Universität Kiel.
Gehirnströme wurden
mit dem EEG aufgezeichnet
Dieser Unterschied konnte
auch in einer EEG-Studie bestätigt werden, an der 25 Patienten mit
einer schweren Depression teilgenommen hatten. Während die Teilnehmer
verschiedene Gerüche einatmeten, wurden die Gehirnströme elektroenzephalographisch
aufgezeichnet.
"Bei den Gerüchen haben
wir gesehen, daß in ganz frühen Verarbeitungsbereichen im Gehirn
die Potentiale von Depressiven auf die Gerüche kleiner waren. Man
könnte sagen, es kommt weniger Geruchsinformation im Gehirn an", berichtet
die Kieler Psychologin.
Doch welche Bedeutung für
das Seelenleben hat es, wenn Menschen schlechter riechen?
Dazu gibt es einige Hinweise
aus Tierversuchen. Unterbricht man bei Ratten die Signalübertragung
von der Nase ins Gehirn, indem man den Bulbus olfactorius entfernt, lassen
sich Depressions-ähnliche Symptome erzeugen. Der Bulbus olfactorius
oder Riechkolben empfängt Signale von den Geruchsnerven und leitet
sie an das Riechhirn weiter. Tiere ohne Riechkolben verhalten sich auffällig
ängstlich. Das wird damit erklärt, daß Signale aus dem
Riechkolben normalerweise Angst-verarbeitende Zentren im Gehirn, etwa die
Amygdala, hemmen. Haben Tiere keinen Riechkolben mehr, sind die Angst-Zentren
verstärkt aktiv.
Nagetiere riechen deutlich
besser als Menschen
Doch auch bei depressiven
Menschen sind die Angst-Zentren überaktiv. Damit ergibt sich die Möglichkeit,
daß auch bei Menschen eine schlechte Geruchswahrnehmung für
depressive Stimmungen von Bedeutung ist. Allerdings: Wenn Depressive schlechter
riechen als Gesunde, läßt sich daraus aber noch nicht direkt
folgern, daß dies die Depression mitverursacht.
Schließlich ist der
Geruchssinn bei Menschen im Vergleich zu jenem bei Nagetieren nur rudimentär
entwickelt und auch das Riechhirn vergleichsweise wenig ausgeprägt.
Möglicherweise liegt aber einer Depression und dem schlechtem Geruchssinn
ein gemeinsamer Mechanismus zugrunde.
Übrigens: Bei Menschen,
die an Schizophrenie oder anderen psychischen Krankheiten leiden, wurde
nach Angaben von Pause keine Störung der Geruchswahrnehmung festgestellt.
| Geruchssignale umgehen
die Kontrollinstanz
Gerüche haben einen
besonders kurzen Draht zum Großhirn. Alle Sinne außer dem Geruchssinn
werden mehrfach umgeschaltet und etwa im Thalamus gefiltert und bewertet,
bis sie schließlich in den Kortex gelangen. Nur Signale aus den Riechnerven
umgehen diese Kontrollinstanzen und gelangen direkt über den Bulbus
olfactorius in das Riechhirn, einem Teil der Großhirnrinde. Bei der
folgenden neuronalen Sinnesverarbeitung werden Strukturen des limbischen
Systems, dem Zentrum für Emotion und Gedächtnis, beteiligt. Dabei
kommt es häufig zu einer Vermischung von sensorischer Information
mit emotionalen Inhalten und Erinnerungen, was typisch für das Riechen
ist.
|
|