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Das Interview mit Andrew Salomon
 

Ärzte Zeitung: Mister Solomon, nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation belegt die Depression auf der Liste der zehn bedeutendsten Volkskrankheiten den Platz Nummer eins. Damit ist Depression zu einem Massenphänomen geworden. Worauf führen Sie diese enorme Zunahme von depressiven Erkrankungen zurück?
Solomon: Hier spielen mehrere Ursachen zusammen. Zum einen wurden in den vergangenen Jahren auf dem Gebiet der Diagnostik große Fortschritte erzielt. Zwar war Depression schon immer eine sehr verbreitete Krankheit, doch wurde sie vielfach nicht als solche erkannt.
Zum anderen liegt eine wesentliche Ursache für die Verbreitung der Depression im modernen Leben. Wir beobachten den Zusammenbruch der Kernfamilie, die Lösung traditioneller religiöser Bindungen und die Erschütterung des Vertrauens in die Wissenschaft. Im alltäglichen Leben treffen wir vielerorts statt auf andere Menschen nur noch auf Computer und Maschinen. So wächst das Gefühl der Isolation und Entfremdung.

Hinzu kommen die Auswahlmöglichkeiten, von denen man in unseren Industriegesellschaften buchstäblich überwältigt wird. Ob in Kaufhäusern oder auf dem Bildungsmarkt - die Fülle und Vielfalt des Angebots ist dermaßen groß, daß sich viele Menschen schlicht überfordert sehen, die richtige Auswahl zu treffen. Das gilt auch für das persönliche Leben. Der Entschluss zu einer Heirat oder einem gemeinsamen Leben wird nicht selten von tiefer Unsicherheit begleitet, könnte doch schon morgen ein anderer, "geeigneter" Partner in Erscheinung treten.
 

Ärzte Zeitung: Das heißt, die moderne Gesellschaft ist ein Nährboden für Depressionen?
Solomon: Es herrscht ein enormer Druck, in unserer Gesellschaft vorwärtszukommen, nicht inne zu halten und mit dem Erreichten niemals zufrieden zu sein. All die Bilder von Reichen, Schlanken, Glücklichen und Erfolgreichen, die über die Medien verbreitet werden, geben den Menschen unrealistische Standards vor.
«Es ist gewiß kein Zufall, daß gerade unter den Perfektionisten die Depressionsrate besonders hoch ist. » 

Reicher und erfolgreicher kann man vielleicht werden, aber sicher nicht jünger. Und es ist gewiß kein Zufall, daß gerade unter den Perfektionisten die Depressionsrate besonders hoch ist. Ungeachtet ihres persönlichen Erfolges fühlen die Menschen sich schlecht und meinen, versagt zu haben.
 

Ärzte Zeitung: Würden Sie sagen, daß Depression letztlich eine typische Krankheit der Industriegesellschaft ist?
Solomon: Nein, überhaupt nicht. Als ich mich im Rahmen der Recherchen für mein Buch den kulturspezifischen Aspekten von Depression zuwandte, war es eine der schockierendsten Entdeckungen, auf die ich stieß, daß Depressionen selbst unter den Eskimos auf Grönland verbreitet sind. Etwa 80 Prozent von ihnen haben mit Depressionen zu kämpfen.
Die Annahme, Depression sei hauptsächlich eine Krankheit der heutigen Industriegesellschaften und insbesondere ihrer Mittelklassen, ist vollkommen falsch. Nur lassen sich vor dem Hintergrund im allgemeinen stabiler persönlicher Lebensverhältnisse Veränderungen, die auf eine mögliche depressive Erkrankung hindeuten, leichter erkennen.
Hingegen fällt die Beurteilung eines an Depression erkrankten Menschen, der unter ärmlichen oder sogar elenden Bedingungen lebt, für gewöhnlich so aus, daß man seine Lebensumstände als Ursache für sein schlechtes Befinden anführt.

Häufig aber ist gerade die Depression die Ursache für ein schlechtes Leben. Der depressive Mensch bringt nicht die Kraft auf, die dazu beitragen würde, sein Leben zu verbessern. Meine Erfahrung ist, daß die Depression oft mit einem Trauma verbunden ist, unter dem diejenigen Menschen, die am Fuße der Einkommensskala stehen, häufiger leiden als gut Verdienende. Das soll allerdings nicht heißen, daß Geld oder Reichtum vor Depression schützt. Finanzielle Verfügbarkeiten machen es einem von Depression Betroffenen nur etwas leichter, sich einen guten Therapeuten zu suchen und sich um eine adäquate Behandlung zu kümmern.
 

Ärzte Zeitung: Wie schätzen Sie die Dunkelziffer bei depressiven Erkrankungen ein?
Solomon: Mir scheint, daß die Zahl der Menschen, die unter einer nichtdiagnostizierten Depression leiden, erschreckend hoch ist. Sogar auf Dinnerparties bin ich schon von Leuten angesprochen worden, die mir ihre Probleme anvertrauten und mich fragten, ob sie wohl an einer Depression litten. In den meisten Fällen mußte ich zustimmen, denn die Symptome, die sie mir schilderten, waren geradezu klassisch.

Ich habe auch den Eindruck, daß viele Ärzte mentalen Gesundheitsproblemen nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken. Meist vertrösten sie die Patienten und wehren die ihnen vorgetragenen Beschwerden als Einbildung ab. Oder sie behandeln die Menschen bloß auf die einzelnen physischen Symptome wie Appetitlosigkeit oder Schlafstörungen, ohne zu erkennen, daß diesen Symptomen eine Depression zugrundeliegt. 

«Das Gegenteil der Depression
ist nicht Fröhlichkeit,
sondern Vitalität. »
Ärzte Zeitung: Auf welche Weise äußert sich eine Depression für den Betroffenen?
Solomon: Das Gegenteil der Depression ist nicht Fröhlichkeit, sondern Vitalität. Und die grundlegende Form der Depression besteht nicht darin, daß man sich traurig fühlt, sondern daß es einem an Lebensenergie fehlt und einem bereits die einfachen Verrichtungen des täglichen Lebens schwer fallen.

In extremen Fällen wird schon das Aufstehen und Ankleiden zu einem Problem. Alles, was man früher ohne viel Anstrengung tat, erfordert plötzlich ungeheure Kraft und Überwindung. Schließlich kann es so weit kommen, daß man das ganze Leben nur noch als qualvoll empfindet.
Zusätzlich zu diesem allgemeinen Krankheitsbild können je nach Charakter und Persönlichkeit noch andere Symptome hinzukommen wie Kummer, Traurigkeit oder Angst, so daß einem nicht nur das gegenwärtige Leben schrecklich vorkommt, sondern auch die Zukunft als Hölle erscheint.
 

Ärzte Zeitung: Spielen auch Erscheinungsformen wie Selbsttäuschung oder Realitätsverlust eine Rolle?
Solomon: Bei vielen Depressionen treten, wenn sie ernster werden, täuschende Vorstellungen auf. Das kann so vor sich gehen, daß man Sichtweisen einnimmt, die zwar prinzipiell zutreffen, aber emotional unangemessen darauf reagiert. Wenn zum Beispiel eine depressive Person sagt, die Menschen werden geboren und sterben, dann kann diese einfache Feststellung eine solche Bedeutung gewinnen, daß die Person keinen Sinn mehr in ihrem Leben sieht.

Es kann in der Depression aber auch passieren, daß man sich in regelrecht paranoide Zustände hineinsteigert und Einbildungen entwickelt, die überhaupt keinen Bezug zur Realität mehr haben. Man fühlt sich ungeliebt und von allen gehaßt und betrachtet sein eigenes Tun ohne jeden Wert. Meiner Erfahrung nach sind solche Einbildungen allerdings leichter zurechtzurücken als diese allgemeinen existenziellen Betrachtungen. Gegen die Feststellung, jeder Mensch ist isoliert in seinem eigenen Körper und daher ist das Leben ohne Sinn, lassen sich schwer überzeugende Argumente finden.
 

Ärzte Zeitung: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Depression und Aggression?
Solomon: Vor allem bei Männern schlagen depressive Zustände häufig in Aggression um. Sie fühlen sich verloren, überfordert vom Leben, bis sich die nervöse, qualvolle Energie... ...in Gewalttätigkeit Bahn bricht. Ich habe mit Insassen von Gefängnissen gesprochen, die wegen Gewaltdelikten verurteilt worden waren. Bei vielen von ihnen stellte ich fest, daß sie vor ihrer Tat an Symptomen litten, die eindeutig auf eine Depression hinwiesen.
Irrationale Ausbrüche von Verzweiflung und Gewalt sind häufig die Folge einer Depression. Es gibt auch einen deutlichen Zusammenhang zwischen depressiven Eltern und gewalttätigen Kindern oder Jugendlichen.
 

Ärzte Zeitung: Wie beurteilen Sie die Therapiemöglichkeiten bei Patienten mit depressiven Erkrankungen?
Solomon: In den letzten Jahren gab es enorme Fortschritte auf vielen Gebieten der Therapie. Da sind zunächst einmal die Antidepressiva, die es vor dreißig oder vierzig Jahren überhaupt nicht gab und die heute in breiter Auswahl zur Verfügung stehen. Diese Medikamente sind vor allem wichtig für den ersten Schritt einer Therapie, um den Betroffenen aus seinem depressiven Zustand herauszuholen.

Hinzu kommen die vielfältigen psychoanalytischen Verfahren wie etwa die Gesprächstherapie. Und schließlich die alternativen Therapien, die von Homöopathie bis zur Meditation alles umfassen.
Für die Zukunft wird eine wichtige Aufgabe darin bestehen, alle diese unterschiedlichen Therapieformen in ein Konzept zu integrieren.
 

Ärzte Zeitung: Sie plädieren also für einen mehrstufigen Therapieansatz?
Solomon: Gerade durch das große Angebot an wirksamen Antidepressiva besteht die Gefahr, daß die Betroffenen einfach nur Medikamente einnehmen, ohne sich mit ihren eigentlichen Problemen auseinanderzusetzen. Die Medikamente sind notwendig, um aus dem depressiven Tief herauszukommen. Dann aber muß ein Prozeß der Aufarbeitung beginnen. Dazu ist es notwendig, die eigene Vergangenheit zu befragen, seine emotionalen Muster zu erkennen und ein Verständnis für seine Depression zu entwickeln. 

«Ich habe beobachtet, daß Menschen, die nur eine leichte Depression hatten, dennoch nicht geheilt wurden, weil sie sich ihrer Krankheit gegenüber passiv verhielten.» 
Ich habe beobachtet, daß Menschen, die oft nur eine leichte Depression hatten, dennoch nicht geheilt wurden, weil sie sich ihrer Krankheit gegenüber passiv verhielten. Dagegen konnte ich feststellen, daß es Menschen mit schweren Depressionen durch therapeutische Hilfe in Verbindung mit eigener Anstrengung durchaus gelang, zu einem erfüllten Leben zurückzukehren. Dauerhafte Heilung kann man nur erreichen, wenn man bereit ist, die Erfahrungen der Depression in sein Leben einzubinden.
 

Ärzte Zeitung: In Ihrem Buch weisen Sie auch auf eine "Vielzahl von Alternativen zu den Standardmitteln" bei der Behandlung von Patienten mit einer Depression hin. Würden Sie zumindest einen Teil dieser alternativen Therapien in ein solches Konzept einbeziehen?
Solomon: Als ich mein Buch zu schreiben begann, stand ich den alternativen Therapien äußerst skeptisch gegenüber. Ich glaubte einfach nicht daran, daß sie in irgendeiner Weise gegen Depressionen effektiv wirksam sein könnten. Im Laufe meiner Arbeit sprach ich mit einer großen Anzahl von Betroffenen, und ich mußte meine Meinung ändern.
Wenn jemand einen Gehirntumor hat und er fühlt sich nach einer alternativen Therapie "wunderbar", dann ist das schlichtweg Humbug. In Wahrheit ist er weiterhin sehr krank. Fühlt sich aber ein depressiver Patient nach einer solchen Behandlung in "bester Verfassung", dann mag es tatsächlich gerechtfertigt sein, von Heilung sprechen. Denn die Depression ist ja eine Krankheit des Gefühls. Banal gesprochen: Sollte ein an Depression Erkrankter sich besser fühlen, wenn er täglich seinen Kopf längere Zeit unter die Dusche hält, dann soll er das getrost tun.

Für absolut gefährlich halte ich es allerdings, sich etwa ausschließlich auf alternative Heilweisen zu verlassen und eine tatsächliche Therapie zu vermeiden. Jeder, der von einer Depression betroffen ist, sollte immer zuerst die etablierten Therapiemöglichkeiten nutzen, also die medikamentöse Therapie und die verschiedensten Arten von Gesprächstherapie, und die alternativen Angebote nur als Ergänzung wahrnehmen.
 

Ärzte Zeitung: Insgesamt scheint der notwendige therapeutische Aufwand sehr groß. Kann auf diese Weise dem Massenphänomen Depression begegnet werden?
Solomon: Ohne Zweifel ist es teuer und aufwendig, Patienten mit Depression angemessen zu behandeln. Aber es ist mindestens genauso teuer, sie nicht zu behandeln.
Die Menschen, die von einer Depression betroffen sind, können meist keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen und fallen somit der Allgemeinheit zur Last. Auch kommt es infolge einer Depression nicht selten zu physischen Erkrankungen, die wiederum behandelt werden müssen.
 

Ärzte Zeitung: Halten Sie es für möglich, daß von Seiten der Gentechnik in absehbarer Zeit ein neues therapeutisches Konzept entwickelt wird?
Solomon: Die Depression ist eine Krankheit mit sehr komplexer Ursache. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es ein Depressionsgen gibt, das man isolieren und durch eine gentechnische Behandlung eliminieren könnte. Selbst wenn eine genetische Veranlagung vorliegt, sind so viele Gene daran beteiligt, daß ein Eingriff unmöglich wäre. Versuchte man all diese Gene durch eine genetische Therapie zu verändern, würde man die ganze Persönlichkeit verwandeln.
Auch wissen wir, daß die Depression, abhängig von Persönlichkeit und Charakter, jeweils einen anderen Ursprung hat und einen anderen Verlauf nimmt. Wir müssen also noch viel mehr über das Zusammenwirken der einzelnen Gene in Erfahrung bringen, ehe wir an eine genetische Therapie bei Depression denken können.
 

Ärzte Zeitung: Sie selbst bekennen in Ihrem Buch, sich trotz medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung "nicht frei" zu fühlen. Ist die Depression demnach überhaupt heilbar im traditionellen Verständnis des Wortes?

«Grundsätzlich muß man davon ausgehen, daß Depression eine chronische Krankheit ist, von der ein Betroffener nie ganz befreit werden kann. »
Solomon: Es gibt spezifische Arten von Depressionen wie zum Beispiel depressive Zustände nach einer Entbindung oder während des Klimakteriums bei Frauen, die nach einem gewissen Behandlungszeitraum als geheilt gelten können. Grundsätzlich aber muß man davon ausgehen, daß Depression eine chronische Krankheit ist, von der ein Betroffener nie ganz befreit werden kann. Durch eine gute Behandlung gelingt es jedoch, sie so unter Kontrolle zu halten, daß das tägliche Leben davon nicht beeinträchtigt wird.

Die meisten Menschen, die ich kennengelernt habe, führten nach ihrer Behandlung ein völlig normales Leben. Mitunter konnte ich sogar bemerken, daß es ihnen wesentlich besser ging als vor der Erkrankung. Gerade durch die Überwindung einer Depression und die Wiedergewinnung der Lebensfreude durchströmt den Menschen ein gewisses Gefühl der Zufriedenheit und inneren Dankbarkeit, welches sich jemand, der nie einen depressiven Zustand erfahren hat, nicht vorzustellen vermag.
 

 

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