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Meldung vom 07.01.2002 (bdw)
 

EKT hilft Patienten mit schweren Depressionen

Elektrokrampftherapie (EKT) ist heutzutage schonender und zugleich effektiver als früher
Von Angela Speth 

WIEN. "Dann bog sich etwas herunter und griff und schüttelte mich, wie das Ende der Welt. Wiiiii schrillte es durch berstende Luft in blauem Licht, und mit jedem Blitz fuhr ein riesiger Schlag auf mich nieder, daß ich glaubte, meine Knochen würden brechen ...." In den 50er Jahren glich die Elektrokrampftherapie (EKT), so wie sie die amerikanische Autorin Sylvia Plath beschreibt, einer Tortur. Etwas von diesem Ruf haftet ihr immer noch an, und das ist der Grund, warum sie heute trotz ihrer Effektivität recht selten angewandt wird, wie Dr. Richard Frey von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie berichtet (Nervenarzt 72, 661, 2001).

Dabei wird die EKT heutzutage stets unter Kurznarkose, Muskelrelaxation, Beatmung mit Sauerstoffmaske und Aufzeichnung der Vitalfunktionen vorgenommen. Zuvor muß ein Patient unbedingt sein schriftliches Einverständnis auf einem speziellen Infoblatt geben.

EKT bei Schizophrenie nur noch selten angewandt Ursprünglich - die ersten Patienten wurden 1938 in Italien behandelt - waren Schizophrenien das hauptsächliche Anwendungsgebiet. Seit es Neuroleptika gibt, kommt die EKT hierbei allenfalls noch bei Unwirksamkeit oder Unverträglichkeit dieser Arzneimittel in Frage. Dagegen wird die EKT heutzutage vorwiegend bei schweren Depressionen genutzt, wenn andere Therapien nicht helfen: Bei 40 bis 70 Prozent der Patienten bessern sich die Symptome. Aus ungeklärten Gründen ist die Ansprechrate bei nicht vorbehandelten Patienten höher als bei jenen, die zuvor bereits Antidepressiva erhalten haben. Eine erhöhte Wirksamkeit ist außerdem bei psychotischer Begleitsymptomatik zu beobachten. Erfolgreich ist die EKT ferner bei Manien. Doch obwohl 80 Prozent der akuten manischen Episoden abklingen, wird von dieser Indikation selten Gebrauch gemacht, weil die euphorisch gestimmten Patienten kaum in die Behandlung einwilligen. In Betracht kommt die EKT auch bei akut lebensbedrohlichen Zuständen wie der perniziösen Katatonie und dem malignen neuroleptischen Syndrom.

Bei der EKT erzeugt die elektrische Stimulation einen generalisierten epileptischen Anfall. Die Stimulation ist heute schonender und zugleich effektiver als früher: moderne EKT-Geräte produzieren Rechteckwellen, statt wie früher Sinuswellen. Das spart ein Quantum an elektrischer Energie, das wenig zum therapeutischen Effekt beiträgt, sich aber negativ auf das Gedächtnis auswirkt. Gedächtnisstörungen waren früher die am meisten gefürchtete Begleiterscheinung der EKT. Darüber hinaus wurde - bei gleichbleibender Frequenz - die Impulsdauer verkürzt, so daß pro Zeiteinheit weniger Ladung auf das Gehirn trifft, was der Refraktärzeit der Nervenzellen besser entspricht. 
 

Meist wird zunächst nur eine Seite des Gehirns gereizt

Meistens wird heute zunächst nur eine Seite des Gehirns gereizt, und zwar die nichtdominante Hemisphäre. Dadurch sind die Gedächtniseinbußen geringer als bei der bilateralen Elektrodenplazierung, die immer erst dann erwogen wird, wenn vier bis fünf unilaterale Therapieversuche erfolglos geblieben sind.

Außerdem wird die Schwellendosis, die gerade einen Krampfanfall erzeugt, individuell ermittelt, weil sie von Mensch zu Mensch schwankt. Mit dem 2,5- bis fünffachen dieses Wertes, der eine Krampfdauer von mindestens 20 Sekunden erzeugen sollte, setzt man die EKT-Serie fort. Sobald eine klinische Besserung eintritt - gewöhnlich nach drei bis vier Wochen mit je drei Behandlungen -, wird sie beendet.
Das Risiko der EKT besteht vor allem im Narkoserisiko. Eine Studie ergab für die einzelne Behandlung eine Mortalitätsrate von 1 : 50 000. Relative Kontraindikationen bestehen, wenn Patienten die beim Krampfanfall auftretende Blutdrucksteigerung und Tachykardie schlecht vertragen. Höheres Alter, Schwangerschaft und Herzschrittmacher stellen keine Gegenanzeigen dar.
 

Zwei Hypothesen zur Wirkweise der EKT

Wie die EKT wirkt, ist bis heute ungeklärt, doch zwei Hypothesen sind im Gespräch. Der ersten zufolge ist nicht der Stromfluß, sondern der Grand-Mal-Anfall entscheidend für den therapeutischen Effekt. So wirken auch medikamentös ausgelöste generalisierte Krampfanfälle antidepressiv und antipsychotisch. Nach der zweiten Hypothese trägt vor allem die elektrische Ladung zur Besserung bei, der Krampfanfall gilt nur als Begleitphänomen. So genügt bei der unilateralen Behandlung nicht einfach die Schwellendosis, sondern sie muß deutlich überschritten werden.
 
 

 

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