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Ärzte Zeitung, 14.03.2003
 
INTERVIEW

Kinder und Jugendliche mit Depressionen sind für Hilfe sehr dankbar

Manifeste depressive Erkrankungen gibt es schon bei Kindern. Erkannt werden sie aber meistens erst bei Jugendlichen oder Erwachsenen. Mängel in der Versorgung bei Kindern und Jugendlichen mit Depressionen beklagt Professor Michael Schulte-Markwort, stellvertretender Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg. Beim Presseworkshop "Psychische Erkrankungen - Krise des 21. Jahrhunderts" am Universitätsklinikum, der von Professor Dieter Naber geleitet und vom Unternehmen Lilly unterstützt wurde, sprach mit Schulte-Markwort Andrea Warpakowski von der "Ärzte Zeitung".

Ärzte Zeitung: Wie häufig sind Depressionen im Kindes- und Jugendalter, das heißt zwischen dem 5. und dem 18. Lebensjahr?

Schulte-Markwort: Die Lebenszeitprävalenz der Depression beträgt zwölf Prozent. Schon im Vorschulalter leiden ein Prozent der Kinder an einer Depression, die aber nicht diagnostiziert wird. Bis zur Pubertät verdoppelt sich diese Rate. Auch bei den Schulkindern werden die meisten Depressionen nicht erkannt. Die Prävalenz erhöht sich bei Jugendlichen bis 18 Jahre auf acht Prozent. Wichtig ist, die Symptome rechtzeitig zu erkennen und die Betroffenen zu einem Kinder- und Jugendpsychiater zu überweisen, denn Depressionen bei Kindern neigen zur Chronifizierung.

Ärzte Zeitung: Durch welche Symptome fallen depressive Kinder und Jugendliche auf?

Schulte-Markwort: Sie gelten in der Schule und auch zu Hause als ruhig, introvertiert, unauffällig, scheu und quasi als pflegeleicht. Tagesschwankungen der Stimmung ähnlich wie bei der Major Depression, eine sehr große Trennungsangst, Schlafstörungen, mangelndes Selbstwertgefühl sind manifeste depressive Symptome.

Ärzte Zeitung: Was können Hausärz-te tun, wenn sie bei einem Jugendlichen depressive Symptome vermu-ten?

Schulte-Markwort: Sie sollten sich nicht scheuen, die Vermutungen anzusprechen und auch die Eltern zu einem Gespräch zu bitten. Damit nehmen sie die Symptome ernst und bagatellisieren sie nicht. Ob Interventionsbedarf besteht, muß von einem Facharzt geklärt werden.

Ärzte Zeitung: Wann und wie müssen die Eltern einbezogen werden?

Schulte-Markwort: Im Regelfall müssen die Eltern soweit wie möglich informiert und in die Beratung und Therapie einbezogen werden, damit sie ihre elterliche Fürsorgepflicht erfüllen können. Es geht nicht um die Schuldfrage, sondern darum, den Kindern und Jugendlichen zu helfen. Das sollte man den Jugendlichen auch erklären, falls sie wollen, daß ihre Eltern herausgehalten werden. Ab 16 Jahre entsteht ein Graubereich, in denen eine Rechtsgüterabwägung je nach Schweregrad der Depressionen stattfinden muß. Ist der Jugendliche beispielsweise suizidgefährdet, müssen die Eltern auf jeden Fall informiert werden.

Ärzte Zeitung: Warum werden die Depressionen bei Kindern und Jugendlichen zu wenig erkannt?

Schulte-Markwort: Oft wird den Kindern und Jugendlichen ein zu großes Entwicklungspotential unterstellt, im Sinne "das wächst sich aus". Erklärt werden die Symptome häufig auch mit dem Temperament des Kindes oder Jugendlichen und dem Erziehungs- oder Familienstil. Auch die Scheu, sie zum Kinder- und Jugendpsychiater zu schicken, spielt eine Rolle. Der Grund dafür ist aber eher die Angst der Erwachsenen vor der Psychiatrie als die Angst der Kinder davor. Jugendliche und vor allem Kinder reagieren auf Hilfe in der Regel sehr dankbar und fühlen sich entlastet.

Ärzte Zeitung: Wie sieht es mit anderen psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen aus?

Schulte-Markwort: Auch Angststörungen, Aufmerksamkeitsdefizite und Hyperaktivitätsstörungen sowie Störungen des Sozialverhaltens werden noch zu wenig erkannt und beachtet. Etwa 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind so verhaltensauffällig, daß sie einer differenzierten Diagnostik bedürfen. Aber nur ein Drittel der Kinder und Jugendlichen sowie deren Familien erhalten eine adäquate Diagnose, Beratung und Behandlung.
 


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